Wanderausstellung "Augen auf!"

Mit dieser Ausstellung laden wir Sie ein, Ihre Augen an fünf Stationen für sich selbst zu öffnen, für Ihre Wahrnehmung, Ihr Gefühl und Ihre Haltung. Wir möchten den Blick schärfen für einen achtsamen Umgang mit Nähe und Distanz, mit Macht und Ohnmacht, mit Kindern, Jugendlichen, Schutzbefohlenen und Erwachsenen.

 

Nehmen und Geben

  • Nehmen Sie sich Zeit, an den Stationen zu verweilen.
  • Nehmen Sie Platz, wenn Sie länger brauchen, um Ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen.
  • Nehmen Sie sich am Ende der Ausstellung mit, was Sie brauchen. Und wenn Sie mögen:
  • Geben Sie uns an den Stationen, an denen das möglich ist, Ihre Gedanken auf den Weg.
  • Geben Sie uns im Gästebuch am Ende der Ausstellung eine Rückmeldung, was die Stationen bei Ihnen ausgelöst haben.

Inhaltlich erarbeitet wurde die Ausstellung von ehrenamtlich und hauptberuflich Mitarbeitenden in der Katholischen Kirche Nordharz, die sich seit ca. zwei Jahren Gedanken darüber machen, wie wir vor Ort mit der Vertrauenskrise umgehen können, die durch den Missbrauchsskandal ausgelöst wurde.

Sie möchten direkten Kontakt mit der Arbeitsgruppe aufnehmen?
Das geht am besten per E-Mail: schutzkonzept@katholische-kirche-nordharz.de

Sie möchten die Wanderausstellung für Ihre Pfarrgemeinde oder Einrichtung buchen?
Bitte wenden Sie sich an die Fachstelle Prävention, gerne per E-Mail: praevention(ät)bistum-hildesheim.de oder per Telefon: 05121 307-171

Handreichung

 

 

 

Herzlichen Dank

sagen wir allen Unterstützern und Sponsoren, die die Ausstellung "Augen auf!" durch ihre großzügige finanzielle Unterstützung möglich gemacht haben:

  • Sparkasse Hildesheim Goslar Peine
  • Stiftisches Zweckvermögen "Hildegard Reisdorff"
  • Pastoralkonferenz der Katholischen Kirche Nordharz
  • Arbeitskreis "Seniorenseelsorge"
  • Pfarrgemeinde Liebfrauen, Bad Harzburg, St. Jakobus der Ältere, Goslar, und St. Mariä Verkündigung, Liebenburg

 

Achtsamkeit

„Denke immer daran, dass es nur eine wichtige Zeit gibt: Heute. Hier. Jetzt.“ Leo Tolstoi Achtsamkeit beginnt in jedem Menschen selbst.

Achtsamkeit bedeutet, eine Situation, ein Geschehen, ein Gefühl bewusst zu erleben und wahrzunehmen. Dass das nicht der Normalfall ist, erleben wir immer wieder, denn …

  • Wie oft hänge ich mit meinen Gedanken in der Vergangenheit fest?
  • Wie oft bin ich beim Frühstück gedanklich schon bei der Arbeit?
  • Wie oft bin ich während eines Gesprächs schon beim Einkaufen?
  • Wie oft am Tag spule ich einfach Gewohnheiten ab, als wäre mein Leben von einem Autopiloten gesteuert?
  • Wie oft versuche ich mehrere Dinge gleichzeitig zu tun: E-Mails lesen, telefonieren, Notizen machen?
  • Wie oft funktioniere ich nur, spüre aber gar nicht, wie ich mich gerade fühle und was ich denke?
  • Wie oft bewerte ich einen Menschen, eine Situation, eine Mitteilung?

Gelingt es mir hingegen achtsam zu sein, dann lebe ich im Moment. Dann sind meine Sinne für das hier und jetzt geschärft. Dann nehme ich mit allen Sinnen wahr, wem ich gerade begegne, was gerade um mich herum passiert und was mir auf den unterschiedlichsten Ebenen mitgeteilt wird. Wenn die Achtsamkeit zu (m)einer Haltung wird, kann ich die Gefühle und die Bedürfnisse des Anderen wahrnehmen und mir selbst und dem Anderen mit Wertschätzung und Respekt begegnen.

Augen auf!

In Europa und in den USA erleidet jedes 4. Mädchen und jeder 8. Junge mindestens einmal im Leben sexualisierte Gewalt. Zwischen 1946 und 2014 wurden Missbrauchsfälle an 3. 677 Kindern allein in der katholischen Kirche Deutschlands aktenkundig.

Ein von sexualisierter Gewalt betroffenes Kind versucht durchschnittlich etwa sieben Mal darüber zu sprechen, bis ihm endlich geglaubt wird. Im kirchlichen Kontext wurde ein Großteil der Taten – wenn überhaupt – durch unangemessene Konsequenzen, wie z. B. Versetzung in eine andere Gemeinde, geahndet.

Innerhalb der Kirche und Gesellschaft haben sich nicht nur die direkten Täter schuldigt gemacht, sondern auch diejenigen, die den Opfern nicht geglaubt haben, die das Vergehen nicht wahrhaben wollten, es kleingeredet oder vertuscht haben.

Damit muss jetzt Schluss sein. Jede und jeder ist aufgefordert, genau hinzuschauen und zuzuhören – auf Signale zu achten und den Mut zu haben, bei Verdacht auf sexuellen Übergriff oder auf Missbrauch von Macht und Vertrauen einzuschreiten.

Für diesen Fall haben wir uns in der Katholischen Kirche Nordharz auf ein Beschwerdemanagement verpflichtet:

  • Kinder und Jugendliche sollen ermutigt und befähigt werden, Grenzverletzungen im Kontext von sexuellem Missbrauch wahrzunehmen und anzusprechen
  • Wir schaffen ein Klima des Vertrauens, der Offenheit und der Kritikfähigkeit
  • Wir sensibilisieren alle Jugendlichen und Erwachsenen
  • Die Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sind allen bekannt.

Macht

Mit Macht hat jede und jeder von uns tagtäglich zu tun. Manchmal bin ich derjenige, der Macht ausübt und manchmal bin ich der Macht anderer ausgesetzt. Macht kann durch Beziehungsverhältnisse (z. B. Sympathie), institutionelle Strukturen, Wahl, Berufung und auch durch Persönlichkeitsmerkmale (z. B. einschüchterndes Auftreten) begründet sein.

Dort, wo Macht auf wenige verteilt ist oder Machtverhältnisse nur in eine Richtung ausgerichtet sind, besteht in besonderer Weise die Gefahr, dass Macht missbraucht wird.

  • „Wie kannst du es wagen, einem Mann Gottes so etwas zu unterstellen?“
  • „Mir glaubt doch sowieso keiner, dass der sowas tut.“
  • „Bei einer so angesehenen Person, kommt alles, was ich sage, gleich an die große Glocke und ich kann mich nirgendwo mehr sehen lassen.“
  • „Du machst dem armen Mann seine Karriere kaputt und dann hat die Kirche noch weniger Priester.“

Macht hat immer auch zwei Seiten: Die Seite derjenigen, die diese Macht ausüben und die Seite derjenigen, die sich dieser Macht beugen. Auch diejenigen, die wegschauen, dem Betroffenen nicht glauben und klein reden, machen sich schuldig. Mit den Präventionsmaßnahmen soll das Hinschauen erleichtert werden. Die Beratungsangebote können auch schon bei „einem komischen Gefühl“ in Anspruch genommen werden. Wer Übergriffigkeiten beobachtet oder davon erfährt, muss nicht erst mit sich selbst ausmachen, wie mit einem Vorfall umgegangen werden soll. Er kann seine Wahrnehmung an Fachleute abgeben, die in diesem Bereich erfahren sind.

Nähe und Distanz

Extrem weit weg… und unglaublich nah?!

Wenn ich jemanden mag, bin ich gerne in seiner Nähe – und je mehr man sich mag, umso näher kommt man sich meistens. Wenn ich jemanden nicht mag, oder die Nähe des anderen mir unangenehm ist, ziehe ich mich zurück und möchte am liebsten allein sein.

Nähe und Distanz werden von jedem Menschen unterschiedlich empfunden: manche mögen es „kuschelig“, andere brauchen eher ihr eigenes „Revier“ um sich herum, in das nicht jeder hereinplatzen darf.

  • So kann es z. B. sein, dass meine beste Freundin genervt ist, wenn ich sie fünfmal am Tag anrufe, weil sie einfach auch Raum für sich braucht, um die Zeit mit mir dann wieder genießen zu können.
  • Oder eine andere Freundin ist enttäuscht, wenn ich nicht alles immer mit ihr zusammen mache, weil sie daraus den Schluss zieht, dass ich sie nicht mag.
  • So kann es sein, dass jemand mir einen Arm um die Schulter legt, und ich dieses überhaupt nicht mag

Wichtige Fragen, die wir uns im Umgang mit unseren Mitmenschen stellen sollten!

  • Wie viel Nähe wünschen wir uns, wie viel tut uns gut?
  • Und ist auch etwas Abstand manchmal hilfreich?
  • Wie sehr suche ich Nähe?
  • Woran merke ich, dass ich zu nah bin bin?
  • Woran merke ich aber auch, dass ich nicht nah genug bin?

Wir wissen meist ziemlich genau, welchen Abstand wir in manchen Situationen brauchen, oder wieviel Nähe wir uns wünschen. Wichtig ist, dass wir das Empfinden unseres Gegenübers wahrnehmen und reagieren und gleichzeitig unser eigenes Empfinden im Blick haben und benennen können.

„Übergriffig“ oder nicht?

Jeder kennt diese Situationen:

  • Jemand mischt sich in ein Gespräch ein, das ich gerade mit einem anderen führe.
  • Ich werde ungefragt von jemandem umarmt.
  • Jemand fällt mir ins Wort.
  • Ich muss mir einen blöden Kommentar anhören.
  • Jemand fasst mich beim Vorbeigehen oder während eines Gespräches an oder streichelt mich.
  • Eine Person steht sehr nah bei mir.
  • Jemand schaut mich auf eine Art an, die ich nicht einordnen kann.
  • Ich werde von jemandem bedrängt.

Jeder kennt solche Situationen, die für uns unangenehm sein können, weil der Andere meine Grenzen nicht respektiert. Oft passiert dies aus Unachtsamkeit und ohne böse Absicht. Manchmal geschieht solch ein Verhalten aber auch gezielt, um Überlegenheit zu zeigen oder um dem anderen gegenüber Macht auszuüben.

Doch wann ist jemand grenzverletzend oder übergriffig? Umfragen zu verschiedenen Situationen zeigen, wie unterschiedlich das Empfinden in ein und derselben Situation sein kann. Oft gibt es kein objektiv eindeutiges „Richtig“ oder „Falsch“. Umso wichtiger ist es, mein Gegenüber achtsam im Blick zu haben, um Bedürfnisse und Widerstände zu erkennen.